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Stuttgart 18./19.10.2010 Haus der Wirtschaft

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Kinderbetreuung: Ausbau vorantreiben & Qualität steigern

Vom Stuttgarter Kinderbetreuungskongress "Invest in Future" hallten zahlreiche Appelle nach Berlin: Ein stärkeres auch finanzielles Engagement des Staates und mehr Einheitlichkeit in den Konzepten, forderten die Experten. Etwa zehn Milliarden Euro werden jährlich zusätzlich benötigt, um die Betreuungslandschaft dem Bedarf anzupassen und das Angebot für unter Dreijährige zu verbessern. Das Geld ist gut angelegt. Studien belegen ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von 1:7. Am 16. und 17. Oktober 2006 findet der nächste "Invest in Future"-Kongress statt.

Stuttgart (eos) - "Finanzierung, Bildung, Qualität: Es gibt viel zu tun", könnte das Fazit des Kongresses "Invest in Future" lauten, der sich vom 17. bis 18. Oktober 2005 in Stuttgart mit dem Thema Kinderbetreuung beschäftigte. Über 300 Teilnehmer kamen auf Einladung der Konzept-e für Bildung und Soziales, Gerlingen, des Kind e.V. Dachverbandes und der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH in die Baden-Württembergische Landeshauptstadt. Im Rahmen der über 30 Fachvorträge, der Podiumsdiskussionen und Gespräche mit den Referenten kristallisierten sich zentrale Handlungsfelder heraus.

Finanzierung neu regeln

Eine wichtige Forderung bezog sich auf die Neuregelung der Finanzierung von Kinderbetreuung. "Wer am meisten profitiert, muss am meisten zahlen", hieß die nachvollziehbare Formel. "Die Hauptlast für die Finanzierung von Kindertagesstätten liegt heute bei den Kommunen", sagte Professor Stefan Sell von der Fachhochschule Koblenz. Hauptprofiteur guter Kinderbetreuung sei jedoch der Bund. Vermehrte Steuereinnahme durch berufstätige Eltern und der sehr langfristige positive Effekt auf die Steuereinnahmen durch gut ausgebildete Kinder kämen dem Bundeshaushalt und den Länderkassen zu Gute. Sell schlug daher vor, Berlin solle 50 Prozent der entstehenden Kita-Kosten übernehmen, den Rest sollten Länder und Kommunen tragen. Um zu vermeiden, dass deren bisherige Ausgaben in diesem Bereich einfach durch Bundesmittel ersetzt würden, sei eine Ausweitung des Rechtsanspruches auf einen Kindergartenplatz auch auf unter Dreijährige sinnvoll. Zur Zeit geben die Städte und Gemeinden 9,7 Milliarden Euro jährlich für Kinderbetreuung aus. "Gebraucht werden weitere zehn Milliarden", sagte Sell. "Dabei ist der Investitionsbedarf für die zum Teil in die Jahre gekommenen Einrichtungen noch nicht einmal mit gerechnet."

Konzepte für die Beteiligung von Unternehmen

An dieser Stelle treten die Unternehmen auf den Plan, die Kinderbetreuung als wichtigen weichen Standortfaktor erkannt haben. "Zusammen mit der öffentlichen Hand, die die laufenden Kosten durch Zuschüsse und Elternbeiträge abdeckt, wollen sich viele engagieren", berichtet Waltraud Weegmann, die mit ihrem Unternehmen Konzept-e für Bildung und Soziales Betriebe bei der Umsetzung ihrer Kinderbetreuungspläne berät und unterstützt. "Sie übernehmen dann gerne Investition für die Räumlichkeiten und auch die Trägerschaft der Einrichtung." Ein Beispiel dafür ist der Stuttgarter Verein Kind e.V., dem 22 Unternehmen angehören und der mittlerweile sieben betriebsnahe Kinderhäuser in Stuttgart betreibt, die als öffentliche Einrichtungen auch Kindern aus den umliegenden Wohngebieten offen stehen: "Wenn es darum geht, 10.000 Euro, 20.000 Euro oder vielleicht auch 100.000 Euro für die 'eigene' Einrichtung locker zu machen, müssen wir kaum Überzeugungsarbeit leisten", berichtet der Kind e.V.-Vorstandsvorsitzende Siegbert Lapp, Geschäftsführer von Lapp Kabel in Stuttgart. "Auf die Bezuschussung laufender Kosten lässt sich aber kaum ein Unternehmer ein." Dr. Walter Rogg, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH betonte, betriebliche und öffentliche Aktivitäten müssten noch besser aufeinander abgestimmt werden und sich ergänzen.

Bildung & Erziehung sind öffentliche Aufgaben

Bildung und Erziehung - auch im Vorschulalter - seien und blieben öffentliche Aufgaben, waren sich die Vertreter der Unternehmen einig. So wurden exklusive Betriebskindertagesstätten in der Diskussion nicht nur positiv bewertet. "Es besteht die Gefahr einer Ghettoisierung", hieß es, mit der auch die Familien nicht einverstanden seien. "Mein Kind soll nicht nur unter Bänkerkindern aufwachsen", hätten zum Beispiel Eltern gefordert, als eine Frankfurter Bank eine eigene Betreuungseinrichtung plante, berichtete Dr. Harald Seehausen, von der Frankfurter Agentur für Innovation und Forschung Prack & Seehausen, aus seiner Beraterpraxis. Betriebskindertagesstätten könnten bestehende soziale Ungleichgewichte noch verstärken, war die Befürchtung.

Elternhaus bestimmt weiterhin Chancen der Kinder

Doch auch die für alle zugänglichen Angebote erreichen benachteiligte Schichten nicht unbedingt. Auf diese Tatsache warf der Vortrag von Professor Werner Thole von der Universität Kassel ein bedrückendes Schlaglicht. Die Befragung von 800 Müttern mit Kindern unter drei Jahren in Kassel hatte ergeben, dass sich überdurchschnittlich viele Familien aus dem bürgerlichen Millieu, mit mittlerem oder hohem Familieneinkommen und hoher Berufsaspiration für eine bildungsorientierte Betreuung ihrer unter Dreijährigen interessierten und die Vorteile einer institutionellen Betreuung zu schätzen wussten. Mütter aus bildungsferneren Schichten, Familien die von Arbeitslosigkeit betroffen waren oder Sozialhilfe bezogen sowie solche mit Migrationshintergrund standen institutioneller Betreuung von unter Dreijährigen eher skeptisch gegenüber und gaben an, die Kinder lieber Zuhause betreuen zu wollen. Von ihnen wurden die bereits vorhandenen Angebote für Vorkindergartenkinder ebenfalls deutlich weniger genutzt.

Bildungspläne: in Lübeck anders als in Lindau

Die Frage "Was erreicht die Kinder?" stellte sich auch im Zusammenhang mit den Bildungsplänen für den Vorschulbereich, die in den meisten Bundesländern bereits vorliegen. Professor Dr. Wassilios Fthenakis vom Münchner Staatsinstitut für Frühpädagogik zeigte in seinem großen Plenumsvortrag die Genese der Werke auf und beleuchtete deren Zielrichtung. Nur in Bayern besitze die Vorgabe gesetzlich verankerte Verbindlichkeit. In anderen Bundesländern gebe es Vereinbarungen mit den Trägern der Jugendhilfe und mit den Kommunen, in wieder anderen beschränke man sich darauf Empfehlungen zu geben. Erfahrungen zeigten jedoch, dass Empfehlungen kaum je praxisrelevant würden. Auch im Namen, in der Entstehung und im Geltungsbereich unterschieden sich die Pläne. "Damit haben wir wieder eine Diversität geschaffen, die uns keinen Schritt weiter bringt", monierte Fthenakis. "Wollen wir wirklich Kinder in Lübeck anders erziehen als in Lindau oder in Garmisch Partenkirchen?" Positiv sei allerdings, dass alle Pläne Kompetenzen formulierten und nicht, wie dies früher der Fall war, Inhalte festschrieben. "Es geht um die Grundlegung einer positiven Lerndisposition, um die Stärkung des Selbstkonzepts als Lernender", sagte Fthenakis. Die Erwartungen der Bildungspolitiker wichen jedoch deutlich hiervon ab, berichtete Bernhard Eibeck von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften aus Frankfurt am Main. "Es wird kurzfristig Leistung gefordert. Nach dem Motto: Wer in die Schule will, muss eine Schleife binden können."

Deutsches Kindergarten Gütesiegel angemahnt

Qualität sei übrigens nicht nur abhängig von gut umgesetzten Konzepten, erklärte Professor Wolfgang Tietze von der Freien Universität Berlin. "Qualität wird auch durch die Rahmenbedigungen determiniert, durch den Erzieher-Kind-Schlüssel, durch die Räumlichkeiten, die Aus- und Fortbildung der pädagogischen Mitarbeiter, die Zeiten, die für Vor- und Nachbereitung bleiben, und durch Unterstützungssysteme, wie Fachberatung." Um Qualität festzustellen, bedürfe es daher der Betrachtung des Gesamtsystems. "Ein Deutsches Kindergarten Gütesiegel, das nach der umfassenden Begutachtung vor Ort verliehen würde, könnte in Zukunft sicherstellen, dass alle Kinder auf einem annähernd gleichen pädagogischen Niveau betreut werden", wünschte sich Tietze. Wie wichtig dies ist, zeigen Untersuchungen, die ergaben, dass die Qualität des Kindergartens einen Entwicklungsunterschied von bis zu einem Jahr bei Kindern im Vorschulalter ausmachen kann. Im sogenannten Perry-Preschool-Projekt trat zudem zu Tage, dass sich gute frühe Pädagogik später in höheren Bildungsabschlüssen und höherem Einkommen niederschlägt. Eine in diesem Zusammenhang angestellte Kosten-Nutzen-Analyse fiel mit 1:7 sehr positiv aus.

Gute Kinderbetreuung: "Kraft für Grundsatzentscheidung nötig"

Investitionen in Kinderbetreuung lohnen sich also - für den Staat. Das Problem: Es gibt einen deutlichen Zeitverzug zwischen dem Anfall der Kosten und dem Nutzen. Zwar ließen sich bereits nach zwei bis drei Jahren die ersten Früchte ernten, da eine Investition in Kinderbetreuung einen zweifachen Beschäftigungseffekt hätte, sagte Wirtschaftswissenschaftler Sell. Zum einen sorgte eine bedarfsgerechtere Betreuungslandschaft dafür, dass mehr Eltern (Mütter) berufstätig seien, zum anderen würden in den Kitas neue Arbeitsplätze geschaffen. Doch bereits diese Zeitspanne ist vielen Politikern zu lang. "Hier ist - möglichst bald - die Kraft für eine Grundsatzentscheidung nötig," meinte Sell. Es steht zu hoffen, dass bis zum nächsten"Invest in Future"-Symposium am 16. und 17. Oktober 2006 die Weichen neu gestellt sind.

Gerlingen, 20.10. 2005

Der Text und sowie die nachfolgenden und weitere Fotos stehen zum Herunterladen zur Verfügung unter: www.kind-dachverband.de

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Kinder, hier im Kinderhaus Technido in Karlsruhe (links) sowie im Kinderhaus BioKids in Planegg bei München, profitieren von früher Förderung in professionellen Einrichtungen, darin waren sich die Experten auf dem Kinderbetreuungskongress "Invest in Future" in Stuttgart einig. Doch die Kosten sind das größte Hemmnis beim Ausbau einer Betreuungslandschaft, die derzeit von Knappheit geprägt ist. Neue Finanzierungsmodelle, die den Bund einbeziehen und die - wo möglich - Unternehmen ins Boot holen, könnten eine Antwort sein.

Foto: Invest in Future / Kind e.V.




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